Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Anatomie für Fortgeschrittene

mit 14 Kommentaren

Mein Koffein-Blutspiegel hat wiedermal den zulässigen Mindestwert unterschritten und bedarf dringend eines Top-Ups. Also mit leerer Tasse in die Küche marschiert.
Die Kaffeemaschine ist leer.
„Gibt gleich Frischen!“ sagt Jenny und setzt ihr hübschestes Strahlelächeln auf, „wenn Du ein paar Minuten Zeit hast!“
Jenny wuselt herum und ich freue mich schon auf den frischen Kaffeeduft, welcher in wenigen Minuten diese Räumlichkeiten erfüllen wird.
„Magst Du mir helfen?“
Na klar! Für Kaffee und schöne Frauen tu ich doch fast alles. Ich mache einen Schritt in ihre Richtung.und signalisiere Hilfsbereitschaft.
„Nee, Kaffeekochen kann ich schon alleine!“
Aha?
„Ich meine etwas Anderes! Setz Dich ruhig.“
Sie stellt zwei Tassen, Milch und Zucker auf den Tisch und kramt aus dem streng geheimen Schrankfach eine Packung Kekse hervor.
„Ich wollte fragen… ob Du vielleicht Lust hast, mit mir zu lernen…“
„Was denn?“
„Zum Beispiel Anatomie.“
Äh…. wie war das jetzt gemeint? Ich spüre, dass ich knallrot werde.
„Wie meinst Du das?“
„Du weißt doch, das Examen…“
„Ach so.“
Jetzt bin ich fast enttäuscht.
„…und das ist ‘ne ziemliche Menge Stoff, den wir da bewältigen müssen.“
Der Kaffee ist fertig. Jenny schenkt mir ein.
„Wann ist denn das Examen?“
„In vier Wochen geht’s los mit dem Schriftlichen!“
„Und dann bist Du eine richtige Krankenschwester?“
„Nö.“
„Was nö?“
„Erstens zieht sich das Ganze noch über Ewigkeiten hin, zweitens muss man erstmal bestehen und drittens ist man danach keine Krankenschwester sondern Gesundheits-und-Krankenpflegerin.“
Ich verkneife mir einen fiesen Kommentar und trinke meinen Kaffee aus.
Die leere Tasse stelle ich vorbildlich in die Spülmaschine.
„Selbstverständlich helfe ich Dir! Ruf mich einfach an!“
Ich muss sagen, dass der Gedanke an ein vertrauliches Tete-a-Tete mit Jenny alles Andere als unangenehm ist…

Geschrieben von medizynicus

2. September 2010 um 06:09

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Bloggerabzocke auf amerikanisch

mit 4 Kommentaren

Seit gestern schwappt wieder eine neue Abzocker-Debatte durch die Blogosphäre, ausgelöst durch einen Artikel bei netzpolitik.org.
Da gibt’s in Amerika eine Firma, welche Urheberrechte von Zeitungen und Zeitschriften aufkauft um Blogger, welche entprechende Artikel zitieren und verlinken verklagen.
Verlinken verboten? schreibt Rorkvell und fasst die Diskussion damit zusammen.
Also, bisher dachte ich immer, mit Links und Zitaten sei das so eine Art geben und nehmen, schließlich profitierten die verlinkten Seiten ja auch davon. Und ohne Zitieren – selbstverständlich korrekt mit Quellenangabe – wäre keinerlei wissenschaftliche oder politische Debatte möglich.
Dachte ich.
Aber man kann auch in Zukunft darauf verzichten, „etablierte“ Medien zu zitieren und in Zukunft nur noch solche Seiten verlinken, die einem vorher schriftlich zusichern, dass sie einen nicht verklagen werden.

Geschrieben von medizynicus

1. September 2010 um 19:54

Veröffentlicht in Ein Herz für Blogs

Critical Incident Reporting – Wie man aus Fehlern lernen kann

mit 5 Kommentaren

Piloten noch Ärzte haben eine Gemeinsamkeit: Fehler können tödlich sein und sollten daher vermieden werden. Ist doch etwas passiert, hat es wenig Zweck, einen Sündenbock nach Sibirien zu schicken. Besser fragt man sich: Wie hätte die Sache anders laufen können? Was können wir daraus lernen? Und wie können wir es in Zukunft besser machen?
Ein Significant Event Audit (In Deutschland hat sich die Bezeichnung Critical Incident Reporting durchgesetzt, die Begriffe „Fehlerkonferenz“ oder „Fehlermanagement“ sind seltener) ist eine strukturierte Gruppendiskussion, an der nach Möglichkeit das gesamte Team teilnehmen sollte, insbesondere alle Personen, die an dem Ereignis beteiligt waren. Ein geschulter Moderator – nach Möglichkeit ein Außenstehender – sollte die Diskussion leiten.
Erste und wichtigste Regel: Die Diskussion ist strikt vertraulich. Niemand braucht disziplinarische Folgen oder Bestrafung zu fürchten. Keine Teile der Diskussion dürfen „gegen“ einzelne Teilnehmer verwandt werden. Zwar wird ein Ergebnisprotokoll angefertigt, aber dieses ist vollständig anonymisiert.
Nach der Einleitung beginnt die Person, die am unmittelbarsten an der Sache beiteiligt war mit der Schilderung der Ereignisse aus ihrer Sicht. Dabei ist es selbstverständlich, dass man sie ausreden läßt ohne sie zu unterbrechen. Nach und nach tragen die anderen Beteiligten ihre Erlebnisse bei. Dabei geht es zunächst einmal darum, alle Informationen zusammenzutragen.
In der nächsten Runde wird zunächst zusammengetragen, was gut und richtig gelaufen ist. Erst dann kommt die Kritik. Der Moderator hat darauf zu achten, dass die Kritik sich auf Fakten, Sachen und Ereignisse bezieht und niemals beleidigend gegen einzelne Beteiligte.
Zum Schluss versucht man, Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Wichtig ist, dass sich während der gesamten Diskussion niemand bedroht zu fühlen glaubt: Jede Meinung zählt, jeder hat das Recht, Informationen beizutragen, Vorschläge zu machen und sachliche, konstruktive Kritik zu äußern. Auch die üblichen Hierarchien sind vorübergehend außer Kraft gesetzt: Die Schwesternschülerin darf den Chefarzt kritisieren, und umgekehrt.
Interessanterweise funktioniert das.
In vielen Ländern.

Zum Weiterlesen:

Geschrieben von medizynicus

1. September 2010 um 05:10

Veröffentlicht in Nachdenkereien

Blogosphären-Review August 2010

mit 2 Kommentaren

Urlaubszeit, Sommerzeit, Saure-Gurken-Zeit: Auch zahlreiche Blogger haben oder hatten sich im August eine Auszeit genommen. Monsterdoc und Pharmama sind immer noch irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs.
Avialle hingegen hat ihr PJ begonnen.
Ich selbst habe die Gelegenheit zu einem kleinen Hausputz genutzt (und bin jetzt käuflich).

Einige neue Blogs habe ich entdeckt:

  • Gesund bis der Arzt kommt – so heißt nicht nur das Blog sondern auch das letzte Buch des Medizin- und Wissenschaftsjournalisten Bert Ehgartner. In diesem Blog befasst er sich mit den Gefahren übertriebener Vorsorge. Genauso lesenswert ist sein älteres Blog (aus 2008) „Lob der Krankheit„, ebenfalls als Begleitprojekt zu einem Buch geschrieben.
  • Die Blaulichtgeschichten sind eigentlich kein kontinuierlicher eigenständiger Blog, sondern ein Multi-Autoren-Projekt. Paul vom Alltag im Rettungsdienst schreibt gelegentlich auch mit.
  • Altenheimblog – ein bloggender Altenpfleger, witzig geschrieben, nach langer Pause von Mai bis Mitte August schreibt er jetzt wieder mehrmals pro Woche.
  • Im Alzheimerblog schreibt pflegende Tochter über das Leben mit ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter.

Geschrieben von medizynicus

31. August 2010 um 23:08

Veröffentlicht in Ein Herz für Blogs

Rationales Fehlermanagement – Oder: Was haben amerikanische Luftwaffenpiloten mit Ärzten zu tun?

mit 6 Kommentaren

Gestern habe ich über den Tod eines Patienten nach einer falschen Bluttransfusion berichtet.
Wie konnte es zu diesem tragischen Zwischenfall kommen?
War es die Schuld eines einzelnen Arztes?
Ist dieser Kollege einfach dumm und unfähig und gehört jetzt dringendst abgewatscht und vielleicht sogar aus der ärztlichen Zunft ausgeschlossen?
Oder war er einfach nur übermüdet?
Waren „Die Umstände“ schuld oder „Die Gesellschaft“ oder „Das System“?
Aber fangen wir noch einmal von vorne an:
Ein Patient liegt auf dem OP-Tisch und hat eine Menge Blut verloren. So war es nämlich in Wirklichkeit, meine Nachtdienst-Geschichte war wieder einmal erstunken und erlogen.
Der Patient braucht eine Bluttransfusion. Ein Anästhesist kümmert sich darum – und macht den verhängnisvollen Fehler, dem Patienten mit der Blutgruppe Null eine Konserve der Blutgruppe A anzuhängen. Die Konserve war für einen anderen Patienten bestimmt.
Halten wir fest:
Jeder, wirklich jeder Arzt weiß, dass man bei Transfusionen höllisch aufpassen muss. Ich gehe mal davon aus, dass auch dem betreffenden Kollegen klar war, was er zu tun und zu lassen hatte. Schließlich ist er ja Anästhesist.
Aber er ist nicht nur Arzt, sondern auch Mensch. Und Menschen machen Fehler.
Maschinen, Roboter und Computer übrigens auch. Tatsache ist: niemals, wirklich niemals wird es möglich sein, ein System zu finden, was wirklich hundertprozentig sicher ist. Man kann es so sicher wie möglich machen: neunundneunzig Prozent, von mir aus auch neunundneunzig Komma neun-neun-neun-neun Prozent, aber ein kleines Restrisiko wird bleiben.
Und wenn etwas passiert, dann hat man mehrere Möglichkeiten, damit umzugehen.
Eine Option ist die „Russische Methode“ (danke, Kreativarzt für den wunderbaren Kommentar!): Man suche möglichst schnell einen Schuldigen, urteile ihn schnell und medienwirksam ab und schicke ihn nach Sibirien oder sonstwohin. Dann mache man weiter wie bisher. Der Vorteil ist, dass man sonst nichts zu ändern braucht und vordergründig erstmal alle zufrieden sind (abgesehen von dem armen Sündenbock in Sibirien natürlich). Der Nachteil ist: Der Fehler wird wieder passieren. Denn nur in den den allerseltensten Fällen liegt die Ursache wirklich nur bei einer Person.
Man kann auch versuchen, vorurteilslos und nüchtern an die Sache heranzugehen. Man kann versuchen, herauszufinden, woran es wirklich lag und was man ändern könnte. Man kann versuchen, aus Fehlern zu lernen.
Das Zauberwort heißt Fehlermanagment, Fehlerkonferenz oder auf neudeutsch Critical Incident Reporting (weitere englische Synonyme sind: Significant Event Audit, structured case analysis oder facilitated case discussion).
Dahinter verbirgt sich eine Methode, welche ursprünglich im zweiten Weltkrieg von Luftwaffen-Psychologen entwickelt wurde.
Was nun haben amerikanische Luftwaffenpiloten aus dem zweiten Weltkrieg mit deutschen Ärzten im einundzwanzigsten Jahrhundert zu tun?
Mehr dazu morgen.

Geschrieben von medizynicus

31. August 2010 um 05:29

Veröffentlicht in Nachdenkereien

„Individuelles Menschliches Versagen….“ – oder Fehler im System?

mit 11 Kommentaren

In einer Uni-Klinik ist ein Patient ums Leben gekommen. Ihm wurde eine Blutkonserve mit falscher Blutgruppe transfundiert. So etwas darf nicht passieren.
Jeder, der einmal in einem Krankenhaus gearbeitet hat, weiss, wie pingelig man normalerweise mit Blutkonserven umgeht: Bevor man eine Transfusion anhängt, will man hundertfünfzigprozentig sicher sein, dass alles passt: Kreuzprobe im Labor, Bedside-Test, kontrollieren und nochmal kontrollieren. Es gibt einige wenige Dinge, bei denen kann man einfach nicht vorsichtig genug sein.
Und trotzdem ist ein Mensch gestorben und das ist tragisch. Wie konnte das passieren?
„Individuelles Menschliches Versagen“, behauptet die Klinikleitung und natürlich arbeitet man pflichtbewusst mit der Staatsanwaltschaft zusammen.
Man kann es auch anders ausdrücken: Wir wissen schon, wer schuld ist, das war irgendso ein blöder Assistenzarzt, der wird jetzt gefeuert und ans Messer geliefert, hoffentlich verurteilt, vielleicht sogar Knast, oder zumindest doch eine dicke Geldstrafe und seine berufliche Zukunft kann er sich von der Backe putzen. Wir, die Klinikleitung aber haben damit nichts zu tun!
Ja, wenn es denn so wäre…
Stellen wir uns vor: Da dackelt man als Assistenzarzt im Dienst über die nächtlichen Klinikflure. Eben noch hat man vom Oberarzt wegen einer Kleinigkeit einen Anschiss kassiert. Und jetzt dies und das machen und das und dies und dann auch noch auf Station sieben das Blut anhängen. Auf Station sieben war man noch nie gewesen, man ist ja auch erst seit zwei Wochen im Haus, frisch von der Uni, und heute der erste Dienst. Seit sechsunddreißig Stunden hat man kein Auge mehr zugetan. Irgendwo im Stationszimmer liegen drei verschiedene Blutbeutel herum, keine Schwester weit und breit zu entdecken, also sucht man sich sein Zeug mühsam zusammen, blättert in Akten und da fällt einem nicht auf, dass der Herr Meyer mit Ypsilon von Zimmer hundertdreiundzwanzig nicht der Herr Meier von Zimmer hundertdreizehn ist. Der Patient ist dement und nicht ansprechbar, man hat ihn noch nie zuvor gesehen, also schnell das Blut angehängt und dann weiter, die Notaufnahme hat jetzt schon zum dritten Mal nachgefragt wo man denn nun bleibt…
Die betreffende Uniklinik wurde vor einiger Zeit privatisiert.
Und betriebswirtschaftlich gerechnet ist es offenbar profitabler, ab und zu einmal einen Assistenzarzt zu verheizen.

Geschrieben von medizynicus

30. August 2010 um 05:59

Blog-Hygiene

mit 7 Kommentaren

Heute mal nur ein kurzer Hinweis in eigener Sache:
Wie Ihr vielleicht bemerkt habt, habe ich in den letzten Tagen das äußere Erscheinungsbild meines Blogs ein wenig geändert. Und zwar im Einzelnen:

  • Die Blogroll jetzt entgültig vom rechten Rand weg auf eigene Seiten verlagert. Da gibt es einmal die komplette Blogroll und dann die weniger umfangreiche kommentierte Blogroll. Und dann gibt’s noch den Friedhof.
  • Am rechten Rand der Hauptseite werden von jetzt an jeweils genau fünf Blogs, nämlich die „Best of“ meiner Blogroll verlinkt. Diese ganz subjektive Liste meiner persönlichen Favoriten wird in unregelmässigen Abständen upgedatet.
  • Die Seite Wer ist Medizynicus? wurde upgedatet.
  • Neu ist die Seite: „Medizynicus ist käuflich“. Worum es dort geht? Nun genau darum: Medizynicus ist zwar nicht bestechlich, aber käuflich. Gerne schreibt er zum Beispiel auf Anforderung gegen Honorar Exklusiv-Artikel für Online- oder Printmedien.

Über Rückmeldungen aller Art bin ich dankbar!

Geschrieben von medizynicus

29. August 2010 um 06:42

Veröffentlicht in Ein Herz für Blogs

Andere Länder, andere Sitten….

mit 3 Kommentaren

Nein, es ist nicht alles Gold, was glänzt. Assistenzarzt zu sein in Bad Dingenskirchen ist vielleicht nicht unbedingt der Traumjob.
Aber wer sich beruflich verändern will, hat die freie Auswahl: Der Anzeigenteil im Deutschen Ärzteblatt ist so dick wie eh und je und wenn man von Deutschland die Schnauze voll hat, kann man ja ins Ausland gehen.
Australien und Neuseeland locken mit Palmenstränden… USA und Kanada mit Geld und Prestige… Schweden mit menschlichen Arbeitsbedingungen… die Schweiz mit guter Bezahlung und dann gibt’s ja noch Großbritannien und….
Ja, und Österreich.
Da kann man als frisch-promovierter Jung-Arzt als Sprechstundenhilfe („Ordinationshelfer“, damit ist tatsächlich so etwas wie eine Arzthelferin gemeint!) anfangen, wenn man möchte.
Nein, das ist kein Scherz: Es handelt sich tatsächlich um ein Inserat auf der Webseite der Wiener Ärztekammer!

Geschrieben von medizynicus

28. August 2010 um 05:13

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

Die Sängerin, das Virus und die Hexenjagd

mit 5 Kommentaren

Bewährungsstrafe also.
Ein verhältnismäßig unspektakuläres Ende jener Aktion, die zu Ostern letzten Jahres begonnen hatte.
Und doch ist und bleibt die Sache zwiespältig, wie nicht nur der „Spiegel“ schreibt. Immerhin: Die Dame ist verurteilt worden, wenn auch „nur“ auf Bewährung ist. Halten wir also fest:

  • Es ist und bleibt strafbar, einen Menschen vorsätzlich mit HIV oder einer anderen schweren Krankheit zu infizieren. Und das ist richtig so. Aber:
  • den Vorsatz nachzuweisen dürfte in den meisten Fällen sehr schwierig sein und:
  • prinzipiell geht das nur, wenn der Täter nachweislich seine Infektion bekannt ist.

Was das heißt?

70.000 Menschen sind laut Deutscher Aids-Hilfe in Deutschland mit dem HI-Virus infiziert, ein Drittel der Betroffenen, so Schätzungen, zieht es jedoch vor, sich nicht testen zu lassen. Denn nur wer Gewissheit hat, steht in der Verantwortung, sich selbst mit der Krankheit auseinanderzusetzen – und eben gegebenenfalls auch andere einzuweihen.
Das Spektakel um den Fall Benaissa suggeriert nun, dass es unter Umständen besser ist, wenn niemand um eine HIV-Infektion weiß: der Betroffene nicht, seine Sexualpartner nicht und die Staatsanwaltschaft schon gar nicht. (Quelle: Spiegel Online)

Bedenklich, bedenklich. Ich gehe mal davon aus, dass Aids-Tests in den nächsten Wochen und Monaten nicht gerade populär sein werden. Zumindest was nicht-anonyme Tests angeht. Und da helfen auch alle
Appelle an die Verantwortung des Einzelnen nur wenig.

Hat das Ganze irgendwas mit unserem ärztlichen Arbeitsalltag zu tun?
O ja, und zwar viel mehr als man denkt….

Geschrieben von medizynicus

27. August 2010 um 06:27

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

Was bringt die Vorsorge? Oder: Warum ist Gebärmutterhalskrebs in Finnland seltener als bei uns?

mit 16 Kommentaren

Das Zervixkarzinom (auch: Gebärmutterhalskrebs) ist nach wie vor eine der häufigsten bösartigen Erkrankungen der Frau.
Seit über 80 Jahren ist die Früherkennung durch einen Zellabstrich – den sogenannten Pap-Test möglich. Hierdurch konnte die Sterblichkeit ganz erheblich gesenkt werden.
Längst ist dieser Abstrich aus der täglichen Routine von Frauenärzten (oder in vielen Ländern auch von Hausärzten) nicht mehr wegzudenken. In Deutschland dürfte es wohl kaum eine Frau geben, welche diese Prozedur noch nie hat über sich ergehen lassen.
Trotzdem sterben auch in Deutschland immer noch Frauen am Zervix-Karzinom. Wesentlich weniger als in Kolumbien. Aber viermal so häufig als in Finnland. Obwohl der Abstrich in Finland viel seltener durchgeführt wird. Wie kommt das?
In Deutschland ist es nicht selten, dass eine junge Frau ihren ersten Abstrich im Alter von sechzehn Jahren erlebt, wenn sie sich zum ersten Mal die Pille verschreiben läßt, und von da an jedes Jahr mindestens einmal, oder sogar mehrmals.
Der Gebärmutterhalskrebs kommt aber vor dem zwanzigsten Lebensjahr so gut wie nie vor. Relativ häufig hingegen ist es zwischen dem fünfundvierzigsten und fünfundfünfzigsten Lebensjahr – aber gerade dann gehen deutsche Patientinnen offenbar nicht mehr so häufig zum Frauenarzt.
In Finnland hingegen – wie auch in Großbritannien und anderen Ländern – hingegen gibt es ein staatlich gelenktes Vorsorgeprogramm: Vom dreißigsten Lebensjahr an werden systematisch alle Frauen zur Untersuchung eingeladen. Und weil die Krankheit mehrere Jahre braucht um sich zu entwickeln, reicht es aus, wenn man sich nach einem unauffälligen Abstrich fünf Jahre später erneut untersuchen läßt, und nicht schon im nächsten Quartal.
Was lernen wir daraus?

  • Viel hilft nicht immer viel
  • Vielleicht ist die böse Staatsmedizin doch nicht so böse

p.s.: Ach ja, die Impfung kann die klassische Vorsorge übrigens nicht ersetzen. Dies nur nebenbei. Ist nämlich wieder ein ganz eigenes Thema
Quelle: