Kollegen, warum wollt Ihr denn nicht aufs Land?
Frische klare Luft gibt’s da, viel Landschaft, Kegelbahnen, Schützenfeste und Feuerwehrbällt. Kinos zwar nicht, aber das ist eh out, holt Euch lieber eine Tüte Chips und ein paar DVD’s, dann stört sich auch niemand daran, wenn ihr zwischendurch mal weggerufen werdet, weil da aufm Land sollt Ihr ja richtige Landärzte werden, und die sind ja immer im Dienst, aber dafür gibt’s dann vom Bauern auch mal frische Wurst gratis, wenn gerade geschlachtet worden ist.
Und dann braucht ihr noch eine passende Frau, also ohne geht’s ja nicht. Also, natürlich nicht so eine Großstadttusse, die wo einen eigenen Beruf haben will, sondern so ein kerniges Mädel vom Land mit roten Wangen und… okay, weitere Details tun nichts zur Sache. Die hält Euch jedenfalls den Rücken frei und sorgt dafür, dass jeden Abend frische Hausmannskost auf den Tisch kommt, wenn Ihr um um halb acht aus der Praxis kommt und wenn dann Oma Kasuppke anruft, dann sagt Eure Frau der Omma dass es noch ein bisschen dauert bis der Doktor kommt, weil der muss jetzt erstmal zu Abend essen.
Ach ja, und Ihr, weibliche Leserinnen und Kolleginnen Ihr könnt ruhig mal weglesen – Ihr habt draußen auf dem Land nichts verloren. Werdet lieber Latte-Machiato-Mütter!
Werde ich zynisch?
Nee.
Nur wieder mal das alte Thema, diesmal aufgetischt von SpON.
p.p.s.:…und morgen erzähle ich Euch eine Story von Uwe und Marion – die sind ja bekanntlich Hausärzte hier bei uns in Bad Dingenskirchen, nicht unbedingt plattestes Land, aber immerhin Provinz!
Washabich.de am Ende?
Vor ziemlich genau einem Jahr hat es begonnen: eine der besten und innovativsten medizinischen Internetprojekte seit langer Zeit.
Eine Gruppe von Medizinstudierenden bot unter www.washabich.de an, mediznische Befunde aus unverständlichem Fachchinesisch ins Normaldeutsche zu übersetzen.
In den folgenden Monaten konnten sich die Leute vor öffentlichem Interesse kaum retten: zahlreiche Beiträge erschienen in der überregionalen Presse, hinzu kamen mehrere Fernsehauftritte – zuletzt trat die Studentin Anja Kersten im Gespräch mit Hirschhausen im NDR auf.
Höhepunkt der Initiative war eine „lange Nacht des Übersetzens“ im Sommer 2011 – aber seitdem herrscht Funkstille.
Wer einen Befund zum Übersetzen „einreichen“ möchte, wird an das „Wartezimmer“ verwiesen.
Der letzte – übrigens sehr gute – Eintrag auf dem Blog stammt vom 28. Juli 2011.
Was ist seither passiert? Ist die gute Initiative Opfer ihres eigenen Erfolges geworden?
Es wäre schade.
Hoffen wir also auf einen erfolgreichen Reanimationsversuch!
Neues aus dem Berliner Selbstbedienungsladen
…was bisher geschah:
Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) ist eine Truppe, welche dazu da ist, um Geld, welches die zweihundertsoundsoviel Krankenkassen von ihren Mitgliedern eingesammelt haben auf diejenigen zu verteilen, werlche für dieses Geld etwas getan haben: nämlich die ambulant tätigen (also im Wesentlichen die Niedergelassenen) Ärzte. Oder „Leistungserbringer“, wie es im entsprechenden Jargon so schön heißt.
Es geht also darum, Geld zu verwalten. Und weil verwalten so schwere Arbeit ist, und auch das Verwalten verwaltet werden muss, zwacken sich die Oberverwalter davon in der Regel einen schönen Batzen ab: ein Vorstandsposten in einer der 17 Landes-KVen (jedes Bundesland hat eine, nur NRW hat zwei) gehört zu den bestdotierten Jobs, die ein Arzt in Deutschland bekommen kann.
Das ist die eine Seite.
…und jetzt die andere Seite derselben Medaille:
Da war mal eine rechtschaffende Hausärztin, irgendwo in Berlin, die hat sich verrechnet.
Und zwar zu ihren Ungunsten. Genau gesagt: bei der Abrechnung der von ihr erbrachten Leistungen ist ihr ein Zahlendreher unterlaufen, sie hat eine falsche Abrechnungsziffer angegeben.
Das heißt, sie hat Geld für eine Abrechnungsziffer bekommen, die sie nicht erbracht und damit auch nicht verdient hat – auf der anderen Seite ist ihr viel mehr Geld durch die Lappen gegangen für die Abrechnungsziffer, die sie eigentlich hätte angeben wollen und was ihr eigentlich zugestanden wäre. Klingt kompliziert, ist es auch. Im Endeffekt hat sie weniger Honorar angefordert als ihr eigentlich zustand. War, wie gesagt kein böser Wille sondern Unaufmerksamkeit. Die ganze Abrechnerei ist nämlich ziemlich kompliziert, vor allem dann, wenn man auch noch etwas anderes zu tun hat als zu verwalten, zum Beispiel Patienten versorgen oder so.
Was macht die KV?
Die sind ja nicht blöd!
Sie wittern Böses.
Sie klagen an. Sie prüfen nach.
Und – oh je! – sie kommen sie tatsächlich auf die Schliche!
Man entdeckt einen dreisten Betrug – immerhin hat die gute Kollegin ja Geld eingesackt für eine „Ziffer“, welche sie abgerechnet hat ohne die entsprechende Leistung zu erbringen!
So etwas muss natürlich bestraft werden!
Zunächst einmal ist eine saftige Geldbuße fällig. Dann muss sie natürlich die Kohle, welches sie sich unrechtmäßig erschlichen hat, wieder zurückzahlen.
Und das Honorar, welches ihr eigentlich zugestanden hätte… ja, Pustekuchen, selbst schuld, wenn man so blöd ist!
Wie gesagt, dass ist die zweite Seite der Medaillie.
Aber zurück zur Vorderseite:
Jeder der drei Vorstandsmitglieder kassiert derweil eine Summe von über zweihunderttausend Euro, die ihm zwar eigentlich nicht zusteht – aber weil man ja Vorstand ist kann man die Regeln schnell mal ändern.
Ist halt so.
Der Streik ist abgeblasen
Alles klar, wir vertragen uns wieder!
Schmollend zwar, aber immerhin. Wir haben uns geeinigt.
Gestern noch wurde kräftig gepokert, und mit den Säbeln gerasselt. Die Kliniken haben sich vorsorglich nach Honorarärzten umgeschaut, aber auch da gab’s nicht viel Unterstützung.
Gestern gab’s dann eine weitere Verhandlungsrunde und heute früh war’s dann soweit:
Knapp drei Prozent mehr Gehalt gibt’s – also ein ganz kleines bißchen mehr als die Inflation uns wegfrisst – und die Sache mit den Diensten ist erstmal außen vor geblieben.
Die Klinikbetreiber schmollen und drohen mit Jobabbau…
Na, da schauen wir mal…
!
Cabazitaxel – kein Wundermittel
Hier noch ein paar – zugegebenermaßen sehr trockene – Ergänzungsinfos zum im gestrigen Beitrag erwähnten Tumor-Medikament Cabazitaxel.
- Cabazitaxel gehört zur der Gruppe der Taxane und wird halbsynthetisch aus einem Inhaltsstoff von Nadeln der Eibe hergestellt. Eingesetzt wird es fortgeschrittenem Prostatakrebs nach erfolgter Behandlung mit einer anderen Chemotherapie (Quelle: Wikipedia)
- Es wird in der Regel gemeinsam mit Prednisolon als Infusion verabreicht.
- Erstlinien-Chemotherapie ist nach wie vor Docetaxel.
- In Studien wurde eine Verlängerung der Überlebenszeit um 2-3 Monate (genau: 2,4 Monate) nachgewiesen
- Die Therapie ist mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden, 18 Prozent der Behandelten in den Studien brachen die Behandlung ab
- Die Liste der möglichen Nebenwirkungen ist lang und umfasst unter anderem die „üblichen“ Nebenwirkungen einer Chemoterapie: Übelkeit, Erbrechen und Haarausfall – gefürchtet sind vor allem Blutbildveränderungen mit Erniedrigung der weißen Blutkörperchen und darauf folgender Sepsis (masiver Infekt, „Blutvergiftung“)
- Die Kosten der Behandlung liegen bei 22000 Euro
Worum es bei der ganzen Sache geht?
Cabazitaxel ist irgendwie typisch für eine Reihe von neuen Medikamenten: Entwickelt für schwerstkranke Menschen in fast aussichtsloser Lage. Und es wirkt. Aber positive Effekt ist sehr begrenzt. Es hat massivste Nebenwirkungen. Und es ist extrem teuer.
Quellen:
Haben Patienten Rechte?
Ein Chirurg vergisst eine Schere im Bauch des Patienten.
Ein dämlicher Assistenzarzt verabreicht mal eben die zehnfache Morphindosis, weil er das Komma falsch setzt und die Schwester seine Handschrift nicht lesen kann.
Ein größenwahnsinniger und dabei gleichzeitig kleinkariert geiziger Chefarzt verzichtet auf Desinfektionsmittel und ordert stattdessen den Gebrauch von Zitronensaft an:
Alle paar Jahre wieder schafft es ein derart handfester Medizinskandal in die Schlagzeilen.
Und was passiert?
In früheren Zeiten wurde ein Übeltäter bei derartigen Gelegenheiten öffentlich geteert, gefedert, gevierteilt und gehängt. Aber die Justiz ist ja heutzutage viel zu lasch geworden. Vor allem muss ein vermeintlich geschädigter Patient dem Arzt ja erstmal sein Fehlverhalten nachweisen können: und da dieses Ärztepack zusammenhält wie Pech und Schwefel und eine Krähe der Anderen kein Auge hat, hat man schlechte Karten.
Eine Umkehrung der Beweislast muss her!
Ein Patient, der glaubt, zu Schaden gekommen zu sein, kann den Arzt schon einmal vorsorglich auf ein paar Millionen Euro Schadensersatz verklagen und der Arzt muss dann nachweisen, dass er doch nicht falsch gehandelt hat.
Besser so? Irgendwo jenseits des großen Meeres soll es ein Land geben (der Name ist mir leider gerade entfallen), so es so ähnlich funktioniert.
Und weil drüben alles besser ist, diskutiert man jetzt, auch hierzulande ein Gesetz einzuführen, welches den Patienten mehr Rechte bietet.
Das klingt gut und bringt Wählerstimmen.
Und die steigenden Haftpflichtversicherungsprämien von uns Ärzten – die legen wir halt auf unsere Honorare um. Und wenn wirklich mal etwas falsch laufen sollte – dann darf es bloß keiner merken, also alles unter den Teppich kehren und stillschweigen. Eine offene Fehlerkultur sieht anders aus…
- „Kaum Handhabe bei Behandlungsfehern“: Frankfurter Rundschau vom 17.1.2012
- „Nur GKV-Patienten profitieren“: Ärztezeitung vom 13.1.2012
- Das Gesundheitsministerium< zum geplanten Gesetzesentwurf
- …und die Opposition kritisiert. Stellungnahme von Herrn Lauterbach in der Süddeutschen Zeitung.
- Deutsches Ärzteblatt: Kassen sollen Patienten bei Behandlungsfehlern beraten
- Das Jura-Protal Juris zu den juristischen Hintergründen



